BÖRSENBLATT

BÖRSENBLATT FÜR DIE GEBILDETEN STÄNDE #136, Juni 2019

UND WER SIND DIE OPFER DES HANDELSKONFLIKTS ZWISCHEN DEN USA UND CHINA

Der Handelsstreit zwischen den USA und China hat sich in den letzten Monaten verschärft. Die gute Entwicklung an den Aktienmärkten hat das Selbstvertrauen der Konfliktparteien gestärkt. Hinzu kam, dass sowohl in den USA als auch in China die außenpolitischen Falken ihrer jeweiligen Regierung vorwarfen, zu weich gewesen zu sein bei den Verhandlungen.

China kann auf wirtschaftlicher Ebene nicht viel gegen die USA unternehmen

Zu viel exportieren die Chinesen in die USA und zu wenig importieren sie von dort. Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Mit den US-Staatsanleihen, die China hält, wird das Land nicht spielen wollen, denn damit würde es seine finanzielle Glaubwürdigkeit einbüßen. Es ist eines der großen Ziele Chinas, eine Ankerfunktion in der Weltwirtschaft zu übernehmen und den Yuan als Reservewährung zu etablieren. Aus diesem Grund ist der Yuan bislang in diesem Konflikt bemerkenswert stabil geblieben. Ein anderes Druckmittel könnte sein, dass China bei den „seltenen Erden“, die für den Bau von Hochtechnologieprodukten unerlässlich sind, den Hahn zudreht – 80% dieser Rohstoffe werden in China gefördert. In diesem Fall würde es aber allenfalls zwei Jahre dauern bis in Australien und den USA eine hinreichende Förderkapazität entsteht. Seltene Erden sind im Grunde nicht sehr selten. Sie kommen sogar in Deutschland vor. China ist nicht der globale Lieferant dieser Elemente, weil es sie nur in China gibt, sondern weil es so schmutzig ist, sie zu fördern und kaum ein anderes Land sich diesen Wirtschaftszweig antun will.

Man sollte China aber nicht unterschätzen. Die Wirtschaft wächst dort allen Widrigkeiten zum Trotz weiterhin mit offiziell 6% (realistisch sind wohl 4%; Wachstumszahlen sind in China ein Politikum). Die Zentralbank ist dort ebenfalls in der komfortablen Lage, die Zinsen senken zu können oder die Kreditvergabe auf andere Weise erleichtern zu können. Die Währungsreserven sind gigantisch. Technologisch ist China einige Jahre hinter den Amerikanern zurück, aber das Land verfügt heute über hinreichende Ressourcen, um das kritische Knowhow (sofern es nicht bereits ausgekundschaftet wurde) über kurz oder lang selbst zu generieren. China kann also eventuelle Schocks durch eine Verschärfung des Konflikts aus eigener Kraft auffangen. Es gibt eine Verlangsamung des Wachstums, aber China muss sich deswegen keinem (als solchem empfundenen) Diktat aus Washington beugen.

Wer also sind die Opfer des Konflikts?

Es sind die offenen Volkswirtschaften Europas und der Schwellenländer, die am stärksten gefährdet sind. Ihr China-Geschäft ist meistens groß und bereits jetzt liest man in vielen Quartalsberichten von einer deutlichen Verschlechterung. Insbesondere die Zahlen der deutschen Exporteure lesen sich in dieser Hinsicht nicht gut und der IWF geht für Deutschland auch nur noch von einem Wachstum von 0,8% für das Jahr 2019 aus. Die Europäer sind besonders gekniffen, weil ihre Zentralbank bei der Suche nach einem Ausweg immer kreativer werden muss. Das Mittel der Zinssenkung steht den Chinesen und Amerikanern zur Verfügung, nicht aber der Europäischen Zentralbank. Die rohstoffexportierenden Schwellenländer werden nicht minder von einer Verlangsamung in China getroffen: Zu den sinkenden Volumina kommt hier noch der Preisverfall bei den Rohstoffen hinzu.

Kurzum, der Handelskonflikt hat zu deutlichen Bewertungsabschlägen geführt, die wahrscheinlich übertrieben sind. Wenn wir die Zurückhaltung beim Kauf von Aktien noch immer nicht aufgeben, so liegt dies daran, dass der Wirtschaftskrieg, der das Sentiment belastet, sich bis in den Herbst 2020 eher verschärfen dürfte. Dann steht die Wiederwahl eines Präsidenten an, der von nichts so profitiert wie von Unordnung und Angst. Aktionäre sind noch für eine längere Weile gut beraten, ihr Pulver trocken zu halten.