
Die EZB hat ihren Einlagensatz auf ihrer Juni-Sitzung wie erwartet um 25 Basispunkte auf 2,25% angehoben. Sie reagiert damit auf den Energiepreisanstieg infolge des Nahostkriegs, obwohl die neuen Projektionen zugleich schwächeres Wachstum anzeigen. Diese Vorsicht ist verständlich, gleichwohl aber riskant. Die EZB sollte die Inflationserwartungen stabilisieren, ohne den Angebotsschock für die Konjunktur geldpolitisch zu verstärken, meint Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz.
Die Zinsentscheidung fiel laut Lagarde einstimmig und ohne Vorbehalte. Der Einlagensatz steigt damit auf 2,25%. Das ist ein starkes Signal, gerade weil die makroökonomische Lage uneindeutig ist. Die EZB erwartet für 2026 nun eine noch etwas höhere Inflationsrate von 3,0% und für 2027 von 2,3%. Erst 2028 soll die Teuerung wieder bei 2,0 % liegen. Zugleich wurden die Wachstumserwartungen auf 0,8% in diesem Jahr und 1,2% im kommenden Jahr gesenkt. Das geldpolitische Dilemma ist damit klar: Die Inflation steigt, während die Wirtschaft an Schwung verliert. Für die heutige Entscheidung spricht, dass sich der Energiepreisanstieg zuletzt etwas breiter niedergeschlagen hat. Im Mai stieg die Inflationsrate auf 3,2% und die Kernrate auf 2,5%. Höhere Vorleistungskosten und kurzfristig erhöhte Inflationserwartungen reichen der EZB, um präventiv zu handeln. Sie will verhindern, dass aus einem Angebotsschock ein Inflationsprozess wird – dabei steckt ihr die Erfahrung aus dem Jahr 2022 merklich in den Kleidern. Genau hier liegt aber auch das Risiko. Denn ein Blick zurück auf 2011 mahnt zur Vorsicht auf der anderen Seite. Auch damals erhöhte die EZB die Zinsen in einem Umfeld höherer Energiepreise, musste die Schritte wegen der Staatsschuldenkrise und Konjunkturschwäche aber rasch wieder zurücknehmen. In der Hinsicht ebenso ein klassischer Policy-Error. Heute sind Banken, Arbeitsmärkte und geldpolitische Instrumente ohne Frage robuster. Dennoch bleibt die Lehre: Wer zu stark auf die sichtbare Inflation von heute schaut, kann die schwächere Nachfrage von morgen unterschätzen.
Aussichten für Anleger
Die Zinserhöhung war am Finanzmarkt weitgehend eingepreist. Entscheidend ist der weitere Pfad. Die EZB hat diesbezüglich ihren datenabhängigen Ansatz betont und sich nicht festgelegt. Das ist richtig. Je länger der Energiepreisschock anhält und in Löhne, Preise und Erwartungen einsickert, desto plausibler werden weitere Schritte. Je stärker er dagegen die Nachfrage bremst, desto größer wird das Risiko, dass zusätzliche Zinserhöhungen den Abschwung unnötig vertiefen. Das ganz normale Geschäft der Notenbanken. Geldpolitik kann relative Knappheiten nicht beseitigen; sie kann nur verhindern, dass daraus dauerhaft instabile Erwartungen werden. Für Risikoanlagen wird das Umfeld in Europa in jedem Fall anspruchsvoller. Der Energiepreisanstieg trifft Margen, Realeinkommen und Vertrauen zugleich. Qualität, Preissetzungsmacht und solide Bilanzen gewinnen weiter an Bedeutung. An den Anleihemärkten spricht der Kurs der Geldpolitik in Europa dafür, Laufzeiten nicht zu kurz zu halten. Das größte Risiko kommt hier nicht von der Geldpolitik der EZB, sondern von Ansteckungseffekten durch einen möglicherweise zu lockeren Kurs der US-Notenbank.