
Der klare Sieg der Demokraten in beiden Kammern des Kongresses ist ein politischer Einschnitt. Für die Kapitalmärkte wird er dann relevant, wenn er die US-Wirtschaft aus ihrem gegenwärtigen Regime des inflationären Wachstums schiebt, das wesentlich von KI-Investitionen und Knappheiten entlang der Wertschöpfungsketten getragen wird. Ob die Wahl diese beiden Kräfte verändert, ist offen und wichtiger als die erste Reaktion von Aktien, Anleihen und US-Dollar, meint Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz.
In der Fiskal- und Steuerpolitik wird Trumps Spielraum deutlich enger. Weitere Steuersenkungen und neue Ausgabenprogramme werden unwahrscheinlicher, demokratische Steuererhöhungen dürften wiederum am präsidentiellen Veto scheitern. Das begrenzt den zusätzlichen staatlichen Finanzierungsbedarf, bedeutet aber noch keine Sanierung der Staatsfinanzen. Zugleich gewinnt der Senat Einfluss auf die Besetzung der Federal Reserve und kann ihre institutionelle Unabhängigkeit stärken. Das könnte langfristige Inflationserwartungen stabilisieren, ohne die angebotsseitigen Ursachen der Teuerung zu beseitigen.
Für den Wachstumsmotor KI entstehen konkretere Risiken. Demokratische Wahlerfolge in wichtigen Rechenzentrumsstandorten wie Texas, Ohio und Georgia könnten strengere Auflagen für Stromverbrauch, Netzanbindung und Genehmigungen nach sich ziehen. Das kann Projekte verteuern, verzögern oder an andere Standorte verlagern, ohne aber den technologischen Innovationsdruck zu beseitigen. Ein langsamerer Ausbau könnte dabei nicht nur das Wachstum dämpfen, sondern zugleich den Druck auf Stromnetze und Energiepreise etwas mindern. Für Chinas Technologieindustrie entsteht eine Chance: Wettbewerbsfähige, weniger rechenintensive KI-Modelle und Anwendungen könnten an Attraktivität gewinnen. Eine generelle Entspannung im Technologiekonflikt ist jedoch nicht zu erwarten. Exportkontrollen und Beschränkungen bei Hochleistungschips genießen in Washington parteiübergreifende Unterstützung. Allein durch die Politik wird der KI-Trend nicht brechen.
Auch bei den Knappheiten bleibt die politische Kontinuität größer als der Wandel. Trump kann bei Zöllen, Sanktionen und Einwanderung weiterhin erheblichen Einfluss aus der Exekutive heraus ausüben. Handelspolitische Unsicherheit und Engpässe bei Vorprodukten und Arbeitskräften verschwinden daher nicht. Ähnliches gilt für die Außenpolitik: Trotz stärkerer parlamentarischer Kontrolle behält der Präsident großen Handlungsspielraum gegenüber Iran, Russland und China. Wie er diesen nutzen wird, ist offen. Eine weitere Eskalation, insbesondere mit anhaltenden Störungen der Energieversorgung, würde den Inflationsdruck verstärken. Eine Deeskalation könnte ihn dagegen rascher mindern als jede fiskalpolitische Entscheidung des Kongresses. Europa könnte durch die neuen Mehrheiten mehr Rückhalt bei Ukraine-Hilfen und transatlantischer Zusammenarbeit erhalten, sollte sich aber weiter auf eine eigenständigere Sicherheits- und Energiepolitik einstellen.
Aussichten für Anleger
Für Anleger dürften die kurzfristigen Folgen der Wahl begrenzt bleiben, auch wenn sich Chancen und Risiken verschieben. Weniger fiskalische Expansion und ein stärkeres institutionelles Gegengewicht zur Regierung sind grundsätzlich günstig für US-Staatsanleihen. Hohe Energiepreise, anhaltende Haushaltsdefizite und der private Investitionsbedarf begrenzen diesen Effekt jedoch. Bei Aktien erhöht die mögliche Verzögerung von KI-Investitionen die Selektivität, ohne den Innovationszyklus grundsätzlich infrage zu stellen. Chinesische Technologiewerte könnten von einer Neubewertung des amerikanischen KI-Vorsprungs und einer breiteren internationalen Kapitalallokation profitieren, bleiben aber durch Exportbeschränkungen und geopolitische Risiken belastet. Für den Dollar könnten geringere US-Wachstums- und Renditeerwartungen dämpfend wirken.
Insgesamt dürfte die Wahl die US-Wirtschaft nicht aus dem Regime inflationären Wachstums schieben. Ob dieses Regime Bestand hat, entscheiden vor allem die Produktivitätsgewinne durch KI und die Entwicklung der realwirtschaftlichen Knappheiten – nicht die neuen Mehrheiten in Washington.