Die Weltwirtschaft hat die politischen Turbulenzen des vergangenen Jahres gut verdaut. Auch wegen dieser Resilienz haben die Finanzmärkte nach dem Zollschock im April kaum noch auf Schlagzeilen oder echte Weichenstellungen reagiert. Das dürfte sich 2026 ändern. Wirtschaft und Finanzmärkte werden stärker von wirtschaftspolitischen Impulsen getrieben. Gleichwohl ist ein fundamentaler Tempowechsel wenig wahrscheinlich. Gemessen an den Wachstumsraten wird sich an der Rangliste der großen Wirtschaftsräume kaum etwas ändern. Die USA und China konkurrieren um die Spitze, Europa und Japan folgen mit großem Abstand und die Emerging Markets holen weiter auf. Wie sich also die Kapital- und Güterströme unter der Oberfläche neu ausrichten, wird das Börsenjahr 2026 maßgeblich mitprägen.

„Gemessen an den Wachstumsraten wird sich an der Rangliste der großen Wirtschaftsräume kaum etwas ändern.“

Dr. Johannes Mayr

Weltwirtschaft geht unter Spannung ins Jahr 2026

Leistungsbilanzen, Jahreswerte, in Mrd. USD

Wachstum in den USA auf schmalerem Fundament 

Das Wachstum in den USA dürfte auch 2026 real bei etwa 2% liegen. Die Wirtschaftsleistung nähert sich damit dem langfristigen Trend von oben an. Wie 2025 werden die Preise stärker steigen als die Wertschöpfung. Denn die Inflationsrate wird wohl längere Zeit im Bereich von 3% verharren und nur langsam sinken. Das Umsatzpotenzial basiert also erneut zu mehr als der Hälfte auf der Fähigkeit der Unternehmen zur Kosten- und Preisüberwälzung. Sektoral dürfte sich die Schere in der Wertschöpfung noch weiter öffnen und die Konjunktur den viel beschriebenen K-förmigen Verlauf zeigen. Denn trotz einer sehr expansiv ausgerichteten Fiskalpolitik und einer Lockerung der Geldpolitik bleiben Arbeitsmarkt und Konsum sowie die Finanzierungskonditionen unter Druck. Die restriktive Migrations- und Handelspolitik begrenzt das Arbeitskräfteangebot und erhöht die Beschaffungskosten. Dies beschleunigt die Rationalisierungsbemühungen gerade bei personalintensiven Geschäftsmodellen. All das, gepaart mit einer geringeren Attraktivität für ausländische Investitionen und einem schwächeren US-Dollar, belastet die Kaufkraft und begrenzt den Zinssenkungsspielraum der Fed. Und auch in einem Szenario, in dem die Fed – von Trump getrieben – in einen aggressiveren Zinssenkungskurs einsteigt, ist kaum mit einer deutlichen Verbesserung der Finanzierungskonditionen zu rechnen. Mit Blick auf die Gesamtwirtschaft wird die Verlangsamung im Konsum zumindest zum Teil durch den enormen Anstieg der Investitionsvolumina insbesondere in der Hochtechnologie und die Innovationsstärke in wichtigen Zukunftsfeldern kompensiert. Stützend wirken dabei die in Kraft tretenden Steuersenkungen und neue Abschreibungsmöglichkeiten sowie die starke Ertragskraft der dominanten Unternehmen. Auch die US-Industrie wird davon profitieren, wie auch vom schwächeren US-Dollar. Der Erfolg von Geschäftsmodellen hängt in allen Sektoren allerdings noch stärker an der Preissetzungsmacht sowie der Effizienz- und Produktivitätsentwicklung, um die zunehmende Last höherer Importkosten auch im kommenden Jahr nicht voll in die Margen nehmen zu müssen. All das spricht für einen verstärkten KI-Einsatz entlang der Wertschöpfungsketten.

Alles in allem wächst die US-Wirtschaft 2026 also weiter. Das Tempo bleibt aber geringer als in den Vor-Trump-Jahren und das Fundament des Wachstums ist schmäler geworden, was die Anfälligkeit für Schocks erhöht. Die Neubesetzung des Fed-Vorsitzes wie auch die Zwischenwahlen zum Kongress werden zwar für erhebliche Schlagzeilen sorgen, das fundamentale Bild dürfte sich dadurch aber kaum ändern.

K-förmige Konjunktur in den USA

Privater Konsum und Unternehmensinvestitionen in Software + geistiges Eigentum, preisbereinigt, Wachstumsbeitrag zum BIP,
Durchschnitt über zwei Quartale

Hoffnung in Europa, aber das Reformfenster schließt sich 

In Europa dürfte das Wachstum auch 2026 gut 1% betragen. Damit wird sich die Wirtschaftsleistung dem langfristigen Trend von unten annähern. Hierfür sprechen insbesondere die günstigen Finanzierungskonditionen für Unternehmen und Haushalte durch das moderate Niveau von Zinsen und Risikoprämien, nicht zuletzt durch den verstärkten Zufluss von ausländischem Kapital. Zusätzlichen Schub geben die Investitionen der öffentlichen Hand in die Modernisierung der Infrastruktur, den Ausbau der Verteidigung und den staatlichen Konsum, insbesondere in Deutschland. Sparmaßnahmen in anderen großen Euro-Ländern und weniger freie EU-Mittel wirken diesem Impuls zwar entgegen, positiv wirkt aber, dass Inflation und Zinsniveau 2026 recht stabil im Bereich von 2% liegen und die Haushalte über erhebliche finanzielle Konsumpolster verfügen. Entscheidend für den Blick der Investoren wird allerdings sein, ob sich aus der angelegten Konjunkturbelebung im Jahresverlauf ein selbsttragender Aufschwung und eine Beschleunigung des Trendwachstums entwickeln können. Hier lehrt die Erfahrung der vergangenen Jahre zur Skepsis. Denn der notwendige sektorale Wandel hin zu wachstumsstärkeren Bereichen läuft im Großteil der europäischen Länder äußerst schleppend. Und die bisher dominanten Sektoren der traditionellen Industrie kommen durch die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in den USA und China noch stärker unter Druck. Die Personal-, Sach- und Energiekosten sind zu hoch, der Angebotsdruck aus China ist enorm und die gestiegenen Handelsbarrieren und der stärkere Euro belasten die Absatzaussichten in den Auslandsmärkten. Mutige Reformschritte auf nationaler und europäischer Ebene sind überfällig. Vor allem muss dem Schumpeter-Prinzip und der Förderung junger und dynamischer Ideen und Geschäftsmodelle mehr Raum gegeben werden. Das Zeitfenster hierfür schließt sich allerdings bereits im Jahresverlauf. Denn die politische Polarisierung nimmt im Vorfeld der richtungsweisenden Wahlen im Folgejahr in Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland 2027 weiter zu.

USA: Wachstum politisch gebremst – Prognose 
2026: +2%

USA: reales BIP und Wachstumstrend, Q1 2018 = 100
ab 2025: Prognose Eyb & Wallwitz

Europa: Wachstum kommt langsam in Gang – Prognose 2026: +1,5%

Euro-Raum: reales BIP und Wachstumstrend, Q1 2018 = 100
ab 2025: Prognose Eyb & Wallwitz

Wichtige Weichenstellung in China

Auch in China dominiert seit vielen Jahren eine K-förmige Entwicklung der Wirtschaft. Hier zeichnen sich unter der Oberfläche aber erste Schattierungen einer historischen Umkehr ab. Die 2025 begonnene Fokusverschiebung von der enormen Industrie-, Investitions- und Exportsubventionierung der Vorjahre hin zum privaten Konsum dürfte sich schrittweise bemerkbar machen. Der chinesische Tanker dreht sich langsam in Richtung der im neuen 5-Jahres-Plan festgelegten Schwerpunkte und der geopolitischen Realitäten. Die Industrieunternehmen werden ihren enormen Angebotsüberschuss zwar auf den Weltmärkten unterbringen und steigendes Umsatzwachstum verzeichnen. Die Margen dürften aber unter Druck bleiben. Von der Verschiebung in Richtung Konsum werden insbesondere große Technologie- und Konsumplattformen profitieren. Auch in China bleibt die Konjunktur damit K-förmig gezeichnet, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen wie in den USA. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum wird sich vor diesem Hintergrund in Richtung 4,5% verlangsamen. Ein Absturz der Konjunktur ist aber wenig wahrscheinlich.

K-förmige Konjunktur auch in China

Privater Konsum und Unternehmensinvestitionen, in Prozent am BIP

Unter der Oberfläche: Globale Kapitalströme richten sich neu aus

Insgesamt werden die Emerging Markets auch 2026 den Großteil zum Wachstum der Weltwirtschaft beitragen. Dabei wird die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern der neuen handelspolitischen Realitäten noch größer. Einige Länder – insbesondere in Asien – dürften weiter von Reallokationen von Kapital und Produktionsstätten aus den USA, China und Europa profitieren. Dies wird sich an einer Aufwertung der entsprechenden Währungen zeigen. Für andere Länder dominieren die Risiken durch Handelsrestriktionen und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Hier werden die Währungen unter Druck stehen. Die Wechselkurse bleiben 2026 der beste Indikator für die Bewegungen der globalen Kapitalströme unter der Oberfläche und gewinnen weiter an Bedeutung für Wirtschaft und Kapitalmärkte.

Unter der Oberfläche Bewegung

Wechselkurse verschieben sich
Nominal effektive Wechselkurse, Auf- und Abwertungen in Prozent, YTD 2025

Mit Mut und Demut ins neue Jahr

Unser Konjunkturausblick fällt also auch für 2026 konstruktiv aus. Das Leitthema wird die K-förmige Entwicklung und deren Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und Finanzmarkt sein. Das sollten Anleger berücksichtigen. Gleichzeitig mahnen die erhöhten Bewertungsniveaus zu einer umsichtigen Allokation des Kapitals.

Über Risiken wird in Jahresausblicken viel diskutiert. Gleichzeitig werden die Chancen gerade von europäischen Anlegern regelmäßig übersehen. Dabei gilt: Als wirklich problematisch stellen sich meist diejenigen Entwicklungen heraus, die im Vorfeld nicht oder kaum diskutiert wurden. Dennoch hier das Offensichtliche – in gebotener Kürze. Die konjunkturelle Entwicklung hängt in allen Regionen noch stärker als in den Vorjahren an der Unterstützung durch die öffentliche Hand. Umso wichtiger wird die Bewertung der Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen durch die Investoren. Ein Comeback der „Bond Vigilantes“ könnte nicht nur Kapitalmärkte, sondern auch die Haushaltspläne und die konjunkturellen Aussichten empfindlich stören. Argumente für Skepsis gibt es – wie in den Vorjahren – viele. Die Schuldenquoten liegen auf hohen Niveaus und die Budgetdefizite werden – mit Ausnahme Chinas – in allen großen Volkswirtschaften sehr hoch ausfallen. Besonders im Fokus stehen neben den USA dabei Japan und Großbritannien. Wie in den Vorjahren ist das Warten auf den großen Knall aber wenig sinnvoll. Denn in einem negativen Szenario entweicht der Druck durch die Ventile der Inflations- und Wechselkurserwartungen. Auch diese Entwicklungen sind für Investoren zwar äußerst relevant, sind aber im Zeitpunkt und Ausmaß nicht vorherzusagen und sollten durch eine breitere regionale Streuung abgefangen werden. Das größte kurzfristige und offensichtliche Risiko für die Finanzmärkte liegt allerdings in einer Neubewertung der Technologieunternehmen. Auch wenn eine Korrektur überfällig scheint, sind auch deren Zeitpunkt und Ausmaß nicht vorherzusagen. Die starken Entwicklungen der Unternehmensgewinne, die Kapitalstärke der Unternehmen und die Vielschichtigkeit der Geschäftsmodelle sprechen gegen eine langanhaltende Krise des ganzen Sektors. Eine umsichtige Streuung des Engagements ist deshalb vielversprechender als ein Rückzug aus den wachstumsstärksten Segmenten der Weltwirtschaft.

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