03.03.2026

Marktkommentar | Geopolitische Börsen haben kurze Beine - Eine Einordnung zu den aktuellen Ereignissen im Nahen Osten

Der Angriff auf Iran und die teilweise Sperrung der Straße von Hormus haben für einen Anstieg des Ölpreises, Kursrücksetzer und Volatilität gesorgt. Sollten auch wir uns Sorgen machen? Die ehrliche Antwort lautet: Ja, aber mit Augenmaß. Die Geschichte lehrt uns etwas, das in solchen Momenten leicht in Vergessenheit gerät: Politische Börsen haben kurze Beine. Nicht, weil die Ereignisse belanglos wären – sie sind es keinesfalls. Sondern weil die Weltwirtschaft erstaunlich anpassungsfähig ist, die Geschäftsmodelle erfolgreicher Unternehmen resilient sind und die großen Akteure mit Blick auf den Ölpreis überwiegend gleichgerichtete Interessen verfolgen.

Was die Geschichte uns lehrt

Als der Irak im Sommer 1990 in Kuwait einmarschierte, schoss der Ölpreis binnen Wochen von zwanzig auf vierzig Dollar. Die Börsen brachen ein. Doch bereits im Frühjahr 1991 hatte sich der Ölpreis wieder normalisiert, und die Märkte erreichten neue Höchststände. Ähnliches erlebten wir nach dem 11. September 2001 oder während des arabischen Frühlings. Immer dasselbe Muster: kurze, heftige Reaktionen – gefolgt von einer Normalisierung.

Warum? Zum einen ist Öl fungibel, der Markt ist tief und vernetzt. Wenn iranisches Öl ausfällt, erhöhen andere Länder ihre Produktion, strategische Reserven werden mobilisiert, Investitionen ziehen an und die Nachfrage passt sich an. Und wenn die Straße von Hormus blockiert ist, finden Tanker andere Routen. Adam Smiths unsichtbare Hand mag nicht perfekt funktionieren, aber sie funktioniert. Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, wird der Ölpreis weiter steigen. Eine dauerhafte Verknappung bleibt aber wenig wahrscheinlich. Sobald sich erste diplomatische Kanäle öffnen, dürfte der Preis schrittweise wieder zurückkommen. Das ist kein Wunschdenken, sondern historische Erfahrung.

Zum anderen wird auch die aktuelle Krise – so dramatisch sie für die betroffenen Menschen vor Ort ist – die Geschäftsmodelle der Unternehmen, in die wir investieren, kaum grundlegend verändern. Ein Softwareunternehmen, das seine Kunden bei der digitalen Transformation unterstützt, verdient morgen nicht weniger, weil heute der Ölpreis steigt. Ein Biotechnologie-Konzern, der an der nächsten Generation von Krebstherapien arbeitet, wird durch geopolitische Spannungen im Nahen Osten nicht in seiner Innovationskraft gebremst. Die großen Wachstumstrends – Digitalisierung und künstliche Intelligenz, Energie und Infrastruktur sowie der demografische Wandel und die damit verbundene Nachfrage nach Gesundheitsleistungen – bleiben intakt.

Die erhöhte Volatilität ist kurzfristig unangenehm, aber sie ist auch eine Erinnerung daran, dass Risiko und Rendite untrennbar miteinander verbunden sind. Wer in Zeiten wie diesen zur Ruhe fähig ist, wird oft belohnt. Die nervösen Verkäufer von heute sind die frustrierten Nichtbesitzer von morgen. Das haben wir in vergangenen geopolitischen Krisen gesehen, und das werden wir auch diesmal sehen.

Unsere Positionierung: Vorbereitet ins Ungewisse

Dessen unbenommen haben wir unsere Portfolios bereits in den vergangenen Monaten schrittweise defensiver ausgerichtet und sind breiter diversifiziert ins Jahr 2026 gegangen. Angesichts der hohen Bewertungsniveaus an den US-Aktienmärkten, der Unwägbarkeiten rund um die künftige Entwicklung der KI und der nachlassenden Attraktivität des US-Dollars erscheint diese Vorsicht mehr denn je geboten. Die Eskalation im Nahen Osten unterstreicht diese defensivere Positionierung. 

Auf der Aktienseite haben wir das Engagement in hoch bewerteten Technologietiteln reduziert, den Konsumsektor abgebaut und sehen etwa im Energiebereich – unabhängig vom weiteren Verlauf des Kriegs gegen den Iran – durch die strukturell steigende Nachfrage im Zuge des KI-Booms attraktive Opportunitäten. Rechenzentren sind die neuen Stromfresser unserer Zeit, und die Energieunternehmen, die diese Nachfrage bedienen können, dürften davon langfristig profitieren. 

Anleihen erfüllen ihre klassische Funktion als Stabilisator – solange der Angriff auf Iran nicht eine strukturell höhere Inflationsdynamik lostritt. Ihre Bedeutung steigt sogar. Bei US-Staatsanleihen bleiben wir dabei skeptisch. Kurzfristig mag der US-Dollar in Phasen erhöhter Unsicherheit profitieren. Mittelfristig jedoch stellen sich strukturelle Fragen sogar drängender. Denn militärische Interventionen lassen die US-Schuldenquote weiter steigen und hinterlassen Spuren im globalen Vertrauen. Kapital beginnt, Alternativen zu prüfen – nicht abrupt, sondern graduell. Europäische Anleihen erscheinen in diesem Umfeld berechenbarer. 

Und China könnte am Ende auch aus dieser Phase als einer der Gewinner hervorgehen. Denn Peking agiert strategisch und positioniert sich als berechenbarer Akteur im globalen Süden. Bei moderaten Bewertungen und gezielten staatlichen Impulsen entsteht daraus ein Opportunitätsraum – vorausgesetzt, man trennt geopolitische Rhetorik von ökonomischer Realität. 

Was bedeutet das konkret?

Für unsere Anleger bedeutet die aktuelle Situation dreierlei:

Erstens: Wir sehen keinen Grund, in Panik zu verfallen. Unsere Fonds und Mandate sind strategisch auf Szenarien wie dieses vorbereitet. Die Balance zwischen Wachstum und Defensive, zwischen risikoreichen und risikoarmen Anlagen, wird sich bewähren.

Zweitens: Wir halten am langen Atem fest. Wer sein Geld für mehrere Jahre anlegt, für den ist ein vorübergehender Ölpreisschock kein strukturelles Problem, sondern Rauschen im System. Die Frage ist nicht, wie sich die Märkte in den nächsten Wochen entwickeln, sondern wo sie in fünf Jahren stehen werden. Und die Antwort darauf hängt von Produktivität, Innovation und Unternehmensgewinnen ab – nicht von kurzfristigen geopolitischen Verwerfungen.

Drittens: Sollte sich die Lage weiter verschärfen und sollten die Märkte stärker unter Druck geraten, sehen wir das weniger als Bedrohung denn als Gelegenheit. Wir haben Liquidität in unseren Portfolios, und wir sind bereit, sie einzusetzen, wenn sich attraktive Bewertungen bieten. Die besten Investments der Geschichte wurden in Momenten der Angst getätigt, nicht in Momenten der Euphorie.

Der Blick nach vorn

Niemand kann mit Gewissheit sagen, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickeln wird. Vielleicht kommt es zu einer schnellen Deeskalation. Vielleicht wird es schlimmer, bevor es besser wird. Was wir aber mit einiger Zuversicht sagen können, ist, dass die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte schon Schlimmeres überstanden haben.



DISCLAIMER Dieser Artikel enthält die gegenwärtigen Meinungen des Autors, aber nicht notwendigerweise die der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH. Diese Meinungen können sich jederzeit ändern, ohne dass dies mitgeteilt wird. Der Artikel dient der Unterhaltung und Belehrung und ist kein Anlagevorschlag bezüglich irgendeines Wertpapiers, eines Produkts oder einer Strategie. Die Informationen, die für diesen Artikel verarbeitet worden sind, kommen aus Quellen, die der Autor für verlässlich hält, für die er aber nicht garantieren kann.  

Unsere Autoren

Dr. Johannes Mayr
Dr. Johannes Mayr

Chefvolkswirt

INVESTMENT NEWS

Aktuelles von Eyb & Wallwitz.

Weitere News.